Von Prof. Dr. SIMO

Geistes- und Sozialwissenschaften sind Produkte der Gesellschaft. Dies gilt auch für alle Wissenschaften, aber mehr für Geistes- und Sozialwissenschaften. Sie produzieren nämlich Ergebnisse, die die jeweiligen Gesellschaften brauchen, um ihre eigene Funktionsweise, ihre Möglichkeiten, die Herausforderung, mit denen sie konfrontiert sind sowie andere Gesellschaften zu verstehen. Anhand der verfügbaren Konzepte und Kategorien formulieren und produzieren sie Wissen über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Geistes-und Sozialwissenschaften schreiben sich somit in ein Paradigma ein, in denen  Wünsche, Hoffnungen, Erwartungen, Bestrebungen, Ängste, Unsicherheiten, Fähigkeiten und Unfähigkeiten bestimmter Gesellschaften zum Ausdruck gebracht werden.

Geistes- und Sozialwissenschaften produzieren aber auch Gesellschaften. Sie produzieren Bedeutung und Instrumentarium der Sinnproduktion. Sie organisieren und regulieren die Zirkulation von Wissen. Die Ergebnisse, die sie produzieren, werden von vielen Menschen geteilt. Sie strukturieren Überzeugungen, Wahrnehmungsweisen, Repräsentationsrahmen, affektive Fähigkeiten und Interpretationsraster. So nehmen sie an der Produktion und der Reproduktion der Kulturen teil. Sie tragen zur Konstruktion von verbindenden Strukturen, von intellektuellen Horizonten.

Solange die Nationen wie die Staaten, die diese Nationen bildeten, immer noch als für die Organisation von Gesellschaften und deren Wirtschaft natürlich vorgegeben, historisch verwurzelt und politisch legitim angesehen wurden, schien es selbstverständlich, dass die Geistes- und Sozialwissenschaften der Nation und dem Staat dienen. Obwohl die Geisteswissenschaften dem menschlichen Wesen inhärent sind und das von ihnen produzierte Wissen Universalität beansprucht, steht fest, dass sie den von der Nation bestimmten intellektuellen und Wissenshorizont nicht transzendieren können. Sie stehen weitgehend im Dienste der Nation und ihr Paradigmenrahmen wird von der Nation bestimmt. Letzterer bleibt der Ort, in dem sich die Gesellschaften ihrer Identität versichern und sich von anderen Gesellschaften abgrenzen. Auf diese Weise haben die Geistes- und Sozialwissenschaften zur Konstruktion des Selbst und des Anderen, der Hierarchien, der Lokalisierungen und der Kategorisierungen beigetragen. Aus diesem Grund wird den Geistes- und Sozialwissenschaften Ethnozentrismus unterstellt. Diese Kritik wird aus zwei Perspektiven heraus formuliert: Erstens aus einer humanistischen Perspektive, die auf der Universalität der Idee des Menschen insistiert. Aus dieser Perspektive erscheint die aufgrund der Insistierung auf nationalen Horizonten konstatierte Fragmentierung der Menschheit in mehrere Untergruppen beziehungsweise als problematisch. Man konzentriert sich auf die Idee der Einheit der Menschheit über jegliche Vielfalt hinaus. Dabei ist man weniger daran interessiert, was die Menschen voneinander trennt oder was sie gegenüberstellt. Man besteht auf dem, was sie näher zueinander bringt, was sie sind. Aus dieser Perspektive wird angenommen, dass alles von der intellektuellen Haltung abhängt und dass es möglich ist, durch intellektuelle Prozeduren, also mit adäquaten Konzepten alle möglichen epistemologischen Hindernisse zu überwinden und eine transzendentale Perspektive anzunehmen. Es ist jedoch möglich, an der Möglichkeit zu zweifeln, eine solche Perspektive zu entwickeln, die über Themen, Konzeptionen und historische, soziale und sogar politische Interessen hinausgeht.

Die zweite Perspektive, aus der heraus die Geistes- und Sozialwissenschaften als ethnozentrisch angesehen und verworfen sind, ist der Postmodernismus. Das postmoderne Denken fordert alle großen Erzählungen einschließlich die Nation heraus. Darüber hinaus gilt die Nation im Kontext der Globalisierung als überholt. Es wird mehr Wert auf Fluidität, Mobilität, Schrumpfung von Zeit und Raum als der Gegenwart entsprechend gelegt. Alle Werte, die noch an die binäre Logik und an essentialistische Identitätskonzepte gebunden sind, gelten als überholt. Trotz der Globalisierung, trotz der Mobilität und die Fluidität kann aber niemand behaupten, dass alte Asymmetrien verschwunden sind; dass alte Konzepte von Nation, Kulturverschwunden sind oder verschwinden.

  Der einzige Weg, Ethnozentrismus zu überwinden oder zumindest zu begrenzen, liegt meiner Meinung nach in der kooperativen Produktion von Wissen und den Instrumenten der Wissensproduktion über Grenzen hinweg. Eine solche Zusammenarbeit gab es schon immer in Europa. In Europa gibt es eine lange Geschichte des Wissenstransfers, der Kontakte zwischen Wissenschaftlern aus verschiedenen Ländern. Zeitschriften und Foren ermöglichen einen persönlichen und intellektuellen Austausch zwischen Wissenschaftlern. Dies ermöglicht die Verbreitung von Ideen und Paradigmen, die Entstehung von Diskussionen und die Entwicklung gemeinsamer Sprachen.

  Das internationale Feld der wissenschaftlichen Zusammenarbeit funktioniert jedoch wie andere Bereiche. Es neigt dazu, Asymmetrien, die sich in der Geschichte manifestiert haben, zu reproduzieren, zu stärken und zu naturalisieren. Der Wissensfluss funktioniert daher in der Regel nicht in Form eines Austausches, sondern in der Art der Diffusion. Es gibt leistungsfähige Zentren der Wissensproduktion. Die Macht dieser Zentren hängt stark von der Qualität des produzierten Wissens ab, beruht aber hauptsächlich auf der Fähigkeit, dieses Wissen zugänglich zu machen.

  Der Besitz mächtiger Diffusionskanäle sichert eine Machtposition in der Produktion von Wissen und Ideen. In diesem Sinne konnten die Kritiker des Südens von einem epistemologischen Imperialismus sprechen.

  Aber es stellt sich heraus, dass die Entwicklung einer friedlichen Koexistenz zwischen Nord und Süd die größte Herausforderung für die Menschheit im 21. Jahrhundert darstellt. Der deutsche Philosoph Axel Honneth identifizierte nach Frantz Fanon das Problem der Anerkennung als Quelle von Konflikten zwischen Menschen und zwischen Gesellschaften in der heutigen Welt. Die strukturellen Disparitäten und Lücken, die tatsächlich in der Produktion und im Umlauf des Wissens über  die anderen auftauchen, sind Ausdruck der Nichtanerkennung der einen durch die anderen, des Südens durch den Norden. Und diese Disparitäten führen zwangsläufig zu permanenten Spannungen und Konflikten. Wenn man zudem bedenkt, dass die Produktion von Wissen über den Menschen und die Menschheit von der Gesellschaft gemacht wird, und dass die Wissenschaft diesen Gesellschaften intellektuelle Werkzeuge zur Verfügung stellt, um deren Selbstverständnis zu stabilisieren, wird deutlich, dass diese Wissen Konflikte auslösen bzw. verschärfen oder mildern können.

     Vor einigen Jahren fand eine heftige Debatte unter Afrikanisten Afrikanern über Wert und Struktur einer „Afrika eigenen Wissenschaft“. Im Verlauf dieser Diskussion betonten viele die Notwendigkeit der Zusammenarbeit mit afrikanischen Forschern und Institutionen. In diesem Zusammenhang dachten viele vor allem an entwicklungspolitische Programme und damit an die Unterstützung dieser Institutionen. Die Defizite und Schwächen von Forschungseinrichtungen in Afrika sind ebenso bekannt wie die Schwierigkeiten, mit denen afrikanische Forscher in ihrem Alltag konfrontiert sind. Es wäre jedoch zu vereinfachend, die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Afrika und Deutschland nur auf der Grundlage entwicklungspolitischer Überlegungen zu sehen.

Bei einem Treffen im deutschen Auswärtigen Amt hat mein Kollege und Freund Michael Lützeler eine Zusammenfassung geschrieben, die ich hier gerne zitieren möchte:

Da es nachgewiesen wird, dass sich neue Forschungsmethoden auch außerhalb Deutschlands entwickeln, wäre es  für innovative internationale Deutschlandstudien vorteilhaft, dass sich im Ausland ein Kontaktnetzwerk im Rahmen der Deutschlandstudien entwickelt; welches die Verbindung zur deutschen Philologie nicht aussetzt, sondern ausbaut.

Für sehr interessant  halte ich, dass sich Lützeler gerade auf das Beispiel der Germanistik stützt,  die – so die verbreitete Annahme – einen natürlichen Mittelpunkt hätte, um darauf zu bestehen, dass sich gleichzeitig eine faszinierende und anregende Praxis außerhalb Deutschlands entwickelt. Vor kurzem gab es in Ouagadougou (Burkina Faso) einen Kongress der afrikanischen Germanisten. Nach diesem Kongress gab der Vertreter des DAAD Dr. Luckscheiter zu, dass er eine andere Art Germanistik zu praktizieren entdeckt habe. Eine Art, die er faszinierend fand. Trotz der infrastrukturellen Defizite und der damit verbundenen Schwierigkeiten und Schwächen gebe es in Afrika eine immer noch interessante produktive Tätigkeit, die Teil einer kooperativen Wissensproduktion mit Deutschland sein könnte. Deshalb erwähnten der Philosoph Ulrich Lölke und ich im Rahmen unseres gemeinsamen Beitrags zur oben erwähnten Diskussion die epistemologische Bereicherung der deutschen Kollegen im Rahmen der wissenschaftlichen Kooperation mit Afrika

Folgendes hoben wir hervor, „Noch wichtiger ist es, den erkenntnistheoretischen Beitrag zur deutschen Praxis einer Afrikanistik zu evozieren. So kommen wir zur grundsätzlichen Frage der kooperativen Forschung über Afrika, die Edward Said wie folgt formuliert hat: „Wie kann man die andere Kultur und die Völker aus einer libertären oder nicht repressiven und nicht manipulativen Perspektive betrachten?“ (Said [1978] 1995: 24) [...]Auf diese Weise beziehen wir uns auf die wissenschaftliche Zusammenarbeit als Mittel, um über den begrifflichen Rahmen hinauszugehen, in dem auch der wissenschaftliche Diskurs selbst steckt (Mundimbe 1998).

Wir haben Saids Frage im Sinne meiner jetzigen Überlegungen verstanden. Diese Frage könnte also wie folgt formuliert werden: Wie kann man Wissen über andere Völker, Nationen und Kulturen erzeugen, und ich werde hinzufügen, und sogar über sich selbst, ohne die Herrschaftsstrukturen und Machtentfaltungen weder zu reproduzieren noch zu neutralisieren, sondern sie so zu dekonstruieren, dass man weit über ihre Anwendungssphäre hinausgeht, indem man sie (an)erkennt, damit Konflikte und Spannungen vermieden werden können und die Grundlage für eine fruchtbare Koexistenz entworfen wird. Meine Antwort auf diese Frage ist die folgende: Durch eine Wissenschaftskooperation, die durch eine gegenseitige Herausforderung es erlauben kann, ethnozentrische Positionen allmählich zu überwinden und gemeinsame Kategorien zu erarbeiten. Nur so können die Erwartungen und Ängste jeder Partei berücksichtigt und ein herrschaftsfreies Wissen produziert werden. Die Schwierigkeit eines solchen Unterfangens liegt auf der Hand. Aber dazu gibt es keine Alternative.

Es wird Aufgabe unseres Zentrums sein, an der Suche nach Lösungen für diese Herausforderung zu arbeiten.